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+++ "Heine" Projekt +++
 
Konzept "Lorelei"
Konzept "Wintermärchen"

 
Konzept "Lorelei" mit dem Titel
"Peak-Oil Superstar"

 
Heine hat ein romantisches Gedicht geschrieben, das von der Schönheit und dem lieblichen Gesang einer Jungfrau handelt, die zum Objekt der Begierde wird.

Zentraler Aspekt des Heine-Gedichts ist die Verführung. Ein Schiffer wird von dem Gesang der Lorelei so betört und geblendet, dass er am Ende den Blick für seine Umwelt verliert und aufgrund seiner Unaufmerksamkeit zu Grunde geht.

Mein Inszenierungskonzept hat einen modernen Interpretationsansatz von Begierde im materialistischen Sinn. Es wird dabei eine aktuelle Problematik aufgegriffen und kritisch, zugleich aber auch ironisch, dargestellt.

Entgegen Heine`s Schönheitsideal, stelle ich die Lorelei als schmutzige Gestalt dar. Sie ist eine schwarzhaarige Jungfrau, mit russverschmiertem Gesicht und in ölverschmierte Lumpen gehüllt (mit schwarzem Rock sowie Schürze).
Schwarzes Gold, das Gold von heute. Diese dreckige Lorelei ist das Objekt der Begierde von den Staatsoberhäuptern, den Ölkonzernen und den unzähligen Verbrauchern unserer Zeit; diese treten an Stelle des Schiffers auf.

Meine Szene beginnt in der Zukunft. Das Szenario zeigt die Welt nach einem atomaren Krieg. Die Bühne ist in totaler Dunkelheit, lediglich Kerzen, Feuerzeuge und Taschenlampen dienen als Lichtquellen. Die Lorelei hockt eingesunken auf einem Ölfass im linken, mittleren Bühenabschnitt.

Im linken vorderen Bühnenabschnitt liegt eine zerrissene Puppe. Aus dem rechten Bühnen-Off sowie vom linken Seitenaufgang kommen Schauspieler (insgesamt 5) in Decken gehüllt, zerzauste Haare, schreckensbleiche Gesichter. Einer der Schauspieler hebt die Puppe auf, legt sie zu anderen Überbleibseln in eine Schubkarre.

Ein anderer der Schauspieler kommt auf einem Fahrrad auf die Bühne gefahren. In der Mitte der spärlich beleuchteten Bühne liegen Schauspieler (ungefähr 12) regungslos verstreut; sie tragen verschiedene Kostüme wie z.B. Polizeiuniform, Arztkittel, Blaumann.

Die zerlumpten Schauspieler bemerken diese und die Lorelei nicht, denn sie sind für sie nicht vorhanden. Sie schreiten die Bühne in verschiedenen Gängen ab z.B. gebückt, geduckt, humpelnd.

Der „Fahrradfahrer“ steigt in der Mitte des vorderen Bühnenabschnitts von seinem Rad ab und klingelt energisch mehrere Male. Die anderen zerlumpten Schauspieler umringen ihn, sehen ihn gespannt an. Er zitiert mit trauriger Stimme die erste Strophe des Gedichts. Er wird einmal unterbrochen, denn einer der Schauspieler reicht ihm die Puppe, um ihn zu trösten.

Dies wühlt ihn noch mehr auf, er stößt die Puppe weg und fährt fassungslos fort: „Ein Märchen, ein MÄRCHEN aus uralten Zeiten“...die anderen Schauspieler stürzen zu ihm, nehmen den schluchzenden in ihre Arme, der stammelt: „Das kommt mir nicht aus dem Sinn.“

Als Gruppe gehen die Schauspieler zum rechten vorderen Bühnenabschnitt. Sie setzen sich im Kreis hin, stellen eine Kerze in ihre Mitte, wie bei einem Lagerfeuer. Einer der Schauspieler beginnt nun mit der zweiten Strophe des Gedichts.

Allmählich wird die Bühne beleuchtet, die verstreuten Schauspieler regen sich und nehmen verschiedene Haltungen an, z.B. hockend, kniend, auf allen Vieren. Sie beginnen, einen ruhig fließenden Rhein darzustellen, einen geregelten Verkehrsfluss. Sie bewegen sich dabei in verschiedenen Geschwindigkeiten...der Polizist krabbelt z.B. als Polizeiauto sehr schnell, da er einen flüchtenden Verbrecher (einen Hüpfenden mit Augenbinde) verfolgt.
Ein Schauspieler mit einer grünen Latzhose und Strohhut kann z.B. ganz langsam kriechen, um einen Traktor zu simulieren, den andere „PKW`s“ dann überholen. Sowohl im linken als auch im rechten hinteren Bühnenabschnitt steht ein Schauspieler, eingehüllt in einen Teppich mit einer Zigarette im Mund; sie mimen Schornsteine.

Die dreckige Lorelei, die vorher eingesunken auf ihrem Ölfass hockte, sitzt nun aufrecht im Schneidersitz.
Wenn es in der zweiten Strophe heißt: „der Gipfel des Berges funkelt im Abendsonnenschein“, dann beleuchtet der Sucher das Ölfass samt Lorelei.

Die PKW`s krabbeln und kriechen weiter auf der Bühne, nutzen diese ganz aus, auf festgelegten Bahnen, so dass ein kleines Verkehrsnetz auf der Bühne entsteht. Ab und zu hält ein PKW und wartet, um den Gegenverkehr durchzulassen.

Zwischenzeitlich gesellen sich zu den Schornsteinen ein in Jackett und Schlips gekleideter Mann mit Aktenkoffer sowie eine in Jackett und kurzen Rock gekleidete Frau mit Brille und Haarknoten. Der Mann streichelt liebevoll und lachend den Schornstein, die Frau nimmt dem anderen Schornstein die Zigarette aus dem Mund und bläßt, den Kopf in den Nacken gelegt, eine Rauchwolke in die Luft.

Die Lorelei überblickt alles auf ihrer Tonne. Ihr russverschmiertes Gesicht hat einen vornehmen, zufriedenen Ausdruck.
Einer der zerlumpten Schauspieler beginnt mit der dritten Strophe des Gedichts. In den Händen hält die Lorelei einen Kamm und eine Ölkanne. Sie kämmt sich durchs schwarze Haar und tut so, als ob sie mit dem Kamm Öl aus ihren Haaren in die Kanne streicht. Danach schwenkt sie freudig die Kanne und läßt ein wenig Öl (eventuell Schokoladensoße) auf den Bühnenboden tröpfeln.

Der hintere Vorhang wird ein Stückchen aufgezogen. Dahinter ist eine weiße Projektionswand.

Ein anderer der zerlumpten Schauspieler beginnt mit der vierten Strophe des Gedichts. Auf der Projektionswand erscheinen Motive, die mit Ölgewinnung,-verarbeitung und –verbrauch zu tun haben, wie z.B. ein Bohrturm, ein Öltanker, eine Fabrik mit qualmenden Schornsteinen oder ein Bild von Schumi`s Formel-1-Wagen.

Wenn es in der vierten Strophe heißt, dass die Lorelei ihren Gesang anstimmt, dann ertönt lauter Motorenlärm über Lautsprecher.
Die zerlumpten Schauspieler halten sich die Ohren zu, ihre Gesichter sind schmerzverzogen vom Lärm. Der erzählende Schauspieler beginnt nun gegen den Lärm anzuschreien „Das hat eine wundersame, gewaltige Melodei.“

Plötzlich stoppt das Motorengeräusch. Die Projektionswand wird weiß. Die PKW`s stoppen abrupt. Es gibt kein vor und zurück mehr, ein Stau entsteht.

Die Frau und der Mann klammern sich erschrocken an ihren jeweiligen Schornstein, welcher die Zigarette ausgetreten hat.
Die Schauspieler protestieren lautstark, weil der Verkehr nicht mehr fließt. Zeitgleich erhebt sich einer der zerlumpten Schauspieler und spricht zum Publikum: „Den Schiffer im kleinen Schiffe ergreift es mit wildem Weh“.

Die Lorelei hat währenddessen ihre schwarze Perücke abgenommen; darunter trägt sie eine hautfarbene Badekappe. Sie wringt sie aus wie einen Schwamm, versucht Öl in ihre Kanne zu tröpfeln. Sie wirft die Perücke weg, stellt die Ölkanne auf den Kopf, doch kein Öl tropft mehr heraus.
Mit fragendem Blick schüttelt sie die Kanne wild, doch das Öl ist ausgegangen.

Auf den „Verkehrswegen“ auf der Bühne wird das Murren und Drängeln immer lauter, die Schauspieler bilden ein großes Knäuel, winden sich, strecken die Arme in die Höhe, schauen fragend zur hilflosen Lorelei hinauf, versuchen nach ihr zu greifen.

Der Mann und die Frau hocken auf den Knien, strecken die Arme ebenfalls in Richtung Lorelei aus und flehen mit verzerrtem Gesicht.

Der Erzähler springt von der Bühne, sein Blick ist erregt. Er stützt sich an der ersten Tischreihe im Zuschauerraum ab, verleiht seinen nachfolgenden Worten durch diese Geste und seine warnende Stimme eine gewichtige Bedeutung: „Er schaut nicht die Felsenriffe, er schaut nur hinauf in die Höh.“

Im selben Augenblick tauchen hintereinander hinter dem Ölfass mit der Lorelei zwei riesige Gestalten auf (sie stehen auf einem Podest, das durch Ölfass und Lorelei für den Zuschauer verdeckt ist). Eine der Gestalten trägt Zylinder, Frack und Fliege in Anspielung auf Uncle Sam, die andere ein Scheichkostüm.

Der Scheich entreißt der Lorelei die Ölkanne, vergewissert sich entsetzt, dass kein Öl mehr vorhanden ist, schmeißt die Kanne weg und beginnt mit seinem Krummsäbel das Fass zu attackieren.

Uncle Sam schüttelt die Lorelei in Ekstase, gibt ihr leichte Ohrfeigen und schreit immer wieder „I want you“; doch die Lorelei rührt sich nicht.

Der Scheich und Uncle Sam geraten aneinander. Es entwickelt sich zwischen den beiden ein erbarmungsloser Ringkampf. Die Lorelei hängt vornübergesunken, die Arme baumelnd, auf der Tonne.

Die Schauspieler auf dem Bühnenboden sind ganz eng zusammengerückt, ein klagender Haufen. Mit ausgestreckten Armen zeigen sie auf das Duell der zwei Mächtigen.

Aus beiden Offs kommen sechs Schauspieler gerannt, sechs Cowboys mit Lassos aus dem linken, sechs Beduinen mit Krummsäbeln aus dem rechten.

Die Schauspieler auf dem Boden entwirren sich, erheben sich und ein erbarmungsloses Handgemenge bricht auf der Bühne aus. Ein Krieg jeder gegen jeden, gleich einem Bühnenweltkrieg.

Die zerlumpten Schauspieler sind nun alle von der Bühne gesprungen, fassungslos den Blick den Zuschauern zugewandt. Entsetzt schreien alle im Chor die ersten beiden Zeilen der letzten Strophe des Gedichts.

Es erscheint wieder ein Bild auf der Projektionswand, ein Atompilz. Das Bild wird von einem lauten Donnern aus den Lautsprechern untermalt. Das Bühnenlicht flackert einige Male auf und alle Schauspieler auf der Bühne brechen zusammen. Das Bühnenlicht erlischt bis auf die Kerze, um die die zerlumpten Schauspieler gesessen haben.

Sie kriechen langsam und vorsichtig auf die Bühne zurück und setzen sich wieder um die Kerze.

Der erste Erzähler spricht langsam und andächtig die letzten beiden Zeilen der letzten Gedichtsstrophe. Die anderen zerlumpten Schauspieler nicken zustimmend und traurig. Schließlich fragt einer der zerlumpten Schauspieler, ob jemand eine Ölsardine haben möchte, er bekommt einen Schlag auf den Hinterkopf. Sie verharren danach im Freeze.

Ende

Copyright © Lucas Herrmann
 
 

 

Konzept "Deutschland.
Ein Wintermärchen" mit dem Titel
"Sex und Shit"
 
Ich beziehe mich in meiner Ausarbeitung auf folgende zwei Strophen aus „Deutschland. Ein Wintermärchen“ (Caputi 23-26):

1)Doch dieser deutsche Zukunftsduft
Mocht alles überragen,
Was meine Nase je geahnt –
Ich konnt es nicht länger ertragen

2)„Bleib bei mir in Hamburg,
ich liebe dich,
Wir wollen trinken und essen
Den Wein und die Austern der Gegenwart,
Und die dunkle Zukunft vergessen“

Die beiden Strophen sind im Original nicht direkt aufeinanderfolgend, obwohl sie so gelesen werden könnten.

Strophe 1) verdeutlicht Heine`s satirisch-politische Dichtung, Strophe 2) dagegen die witzig-ironische Aufarbeitung der Romantik.

Meine drei Charaktere, der alte Heine, der junge Heine und Harmonia, setzen ihre darstellerischen Mittel jeweils mit unterschiedlichen Intensitäten ein.

Der alte Heine spricht Strophe 1) rückblickend. Er ist als Kloputzer an einen Stuhl gefesselt und damit in seiner Gestik eingeschränkt. Er konzentriert sich auf Sprache und Mimik.

Der junge Heine dagegen setzt das Erzählte gestenreich und mimisch um, da er in meinem gewählten Ausschnitt nicht spricht. Harmonia kann sich aller drei Mittel bedienen.

Die Kritik Heine`s an der politischen Wirklichkeit (Brüchigkeit der Welt) stellen der alte sowie der junge Heine voller Entsetzen dar.

Der alte Heine spricht mit weit aufgerissenen Augen zunächst eindringlich zum Publikum, ehe er in Vers 2 von Strophe 1) den Blick emporhebt und sich dabei, mit ängstlicher Stimme, umsieht. Er verzieht schließlich das Gesicht, wippt unruhig auf dem Stuhl hin und her und spricht mit keuchender Stimme Vers 3.

Da er seine Nase nicht zuhalten kann, versucht er sie an seine Schultern zu pressen. Da ihm dies nicht gelingt, schreit er wutentbrannt Vers 4 und stürzt, wild wippend, mitsamt dem Stuhl zu Boden.

Er kriecht auf einen Pümpel zu, hebt diesen mit dem Mund auf und bleibt dann völlig erschöpft liegen.

Der junge Heine zeigt während Strophe 1) gestenreich Ekel und Entsetzen. Er hält sich zurücktaumelnd die Nase zu, beginnt auf die Knie zu sinken und zu würgen, rauft sich die Haare und beginnt schließlich in Vers 4 mit apathischem Gesichtsausdruck über die Bühne zu laufen.
Anschließend wirft er sich gegen die Wände, versucht an diesen hochzukriechen, während der alte Heine in Resignation kraftlos auf der Bühne liegt.

Harmonia kann dem Wahnsinnsanfall des jungen Heine nur mit hilfloser Mine zusehen. Sie steht in der Mitte der Bühne und versucht den tobenden Heine festzuhalten, greift aber in ihrem Eifer nur in die Luft.

Harmonia repräsentiert die schöne Welt der Romantik, die Heine sich zwar ersehnt hatte aber nie in ihrer reinen Form darstellen wollte. Sie versucht nun dem verängstigten Heine mit ihren romantischen Gebärden und Worten der „Brüchigkeit der Welt“ zu entreißen.

Sie wirft sich ihm in einem Anfall der Leidenschaft an den Hals, streichelt ihn zärtlich und redet betörend mit Vers 1 aus Strophe 2) auf ihn ein. Er stößt sie weg, da er nicht in die „romantische Gegenwelt“ flüchten, sondern der zerrissenen Realität ins Auge blicken will.

Er rutscht, verzweifelt von dieser, an der Wand hinunter, bleibt mit einer weinerlichen Fratze, die Faust vor dem Mund geballt, auf dem Boden hocken.

Harmonia`s Drängen, ihn zu verführen, wird fordernder. Sie bringt Wein, Essen und eine Kerze herbei, versucht eine romantische Stimmung zu erzeugen, indem sie übertrieben verlockend Vers 2 seuselt.

Heine verharrt in seiner Haltung, beachtet sie nicht. Harmonia hält ihm die Leckereien vors Gesicht, während sie Vers 3 spricht.

Er wendet jedoch sein Gesicht ab.

Übertrieben genüßlich beginnt sie von den Leckereien zu probieren, schielt dabei immer zu Heine, der sein Gesicht zwischen den Knien vergraben hat. Sie stopft das Essen wie wild in sich hinein, beginnt zu schmatzen und übertrieben ihren Genuss darzustellen, mit schwärmerisch verzogenem Gesicht und an die Brust gepressten Händen.

Da sie Heine nicht animieren kann, sagt sie schließlich genervt Vers 4.

Sie packt ihn schließlich, trägt ihn im Arm zu ihrem Sofa, legt ihn ab und streift ihren Mantel ab.

Harmonia mustert Heine mit strengem Blick.

Dieser gibt sich der fordernden Romantik geschlagen und öffnet den Knopf seiner Hose.

Der alte Heine versucht sich mühsam aufzurichten, sackt jedoch leblos zusammen.

 

Copyright © Lucas Herrmann
 
Lucas Herrmann
Kunststätte Bossard
 
 
 
 

             
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