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+++ Kurzgeschichten +++
 
Bonsai-Engel
Trinkgeld

 
Bonsai-Engel

Weihnachten stand unmittelbar bevor. Mit Weihnachten kam auch wieder Leben in die Einkaufspassagen. Die Geschäfte machten den größten Umsatz im Jahr. Der Konsum stieg. Geschäftiges Treiben erfüllte die Straßen. Keine Zeit zum Atmen, nur in das nächste Geschäft und fündig werden. Mensch dicht an Mensch. Preise über Preise. Aus den Geschäften drangen Weihnachtslieder, Lichterketten schmückten Bäume und Schaufenster, ein verkleideter Weihnachtsmann reichte den Kindern Süßigkeiten und irgendwo in einiger Entfernung ragte der Turm des Michels in den dämmrigen Himmel und überblickte das bunte Treiben.

Von alledem schien er keine Notiz zu nehmen. Er saß auf seinem gewohnten Platz vor dem Kosmetikgeschäft, auf seiner roten Decke mit den schwarzen Streifen darauf. Die Menschen glitten an ihm vorbei, warfen ihm flüchtige Blicke zu. Ob aus Mitleid oder aus Abscheu, das hatte er nach all der Zeit nicht mehr zu unterscheiden vermocht. Es interessierte ihn auch nicht mehr. Was kümmerten ihn die anderen? Sie waren da, immerzu, hatten es eilig und verschwanden in Geschäften, nur um nach einer Weile
mit vollen Einkaufstaschen wieder herauszukommen. Taschen voll mit irgendwelchem Schnickschnack. Mit Sachen darin, bei denen er sich fragte, ob sie für das tägliche Überleben von Bedeutung waren. Aber was sollte er sich darüber Gedanken machen? Er selbst würde vielleicht auch mit tausend Taschen aus einem Geschäft kommen, wenn es ihn nicht auf die Straße verbannt hätte.

Das Leben auf der Straße war hart. Man war ganz allein. Obwohl immer so viele Beine an einem vorübergingen. Obwohl man immer so viele Stimmen hörte. Obwohl man immer so viele Blicke einfing. Ja, die Blicke waren es gewesen. Sie waren zu Anfang das Schlimmste. Irgendwann hatte er sie nicht mehr ertragen können. Dann wollte er sie nicht mehr einfangen. Er wollte ihnen entkommen. Einfach dem Leben entkommen. Sich unter irgendeine Brücke flüchten und dort in Ruhe gelassen werden. Doch dann kam seine Eitelkeit zum Vorschein. Er wollte nicht unter einer Brücke hausen. Fern der Zivilisation; leben wie eine Ratte. Er war ein Mensch. Auch wenn ihm das auf dem Pflaster der Einkaufsstraße nicht mehr so vorgekommen war.

Manchmal warfen sie ihm eine Münze zu. Einen Euro, manchmal fünfzig Cent, manchmal aber auch nur einen Cent. Dann war er glücklich. Segnete sie und kaufte sich etwas zu essen. Er hatte seinen Hut auch heute wieder vor sich gelegt. Ein paar Cent lagen darin. Er wartete immer bis acht, kurz bevor die Läden schlossen. Dann kratzte er das Geld zusammen und kaufte sich, was er sich leisten konnte. Wenn es gut lief, war
es sogar einmal ein richtiges kleines Abendessen, Pommes mit Currywurst
und eine Dose Cola oder auch mal Cheeseburger mit amerikanischer Grillsoße.

Er schaute auf die Uhr im Geschäft gegenüber. Es war zwanzig Minuten vor acht. Sein Blick streifte den alten Hut. So wie es aussah, würde das Essen heute wohl ausfallen müssen.
Der Menschenstrom ebbte ab. Er schaute auf ein junges Paar, das sich im Geschäft gegenüber bedienen ließ. Viele saßen wahrscheinlich schon zu Hause im Warmen und waren froh, doch noch etwas gefunden zu haben, versahen es mit einer goldenen Schleife darum oder putzten den Weihnachtsbaum.

In Gedanken versunken bemerkte er sie gar nicht. Plötzlich stand sie vor ihm. Er fuhr zusammen und schaute zu ihr auf. Sie schenkte ihm ein Lächeln. Es erfüllte ihr ganzes Gesicht.und strahlte ihm im wahrsten Sinne des Wortes entgegen. Er sah ihre blonden, gelockten Haare, die ihr strahlendes Lächeln umrahmten. Für einen Moment wusste er nicht was er tun sollte. Schließlich brachte er ein kleines Lächeln zustande.
Das Mädchen hatte etwas in seiner Hand und ließ es in den Hut fallen. Schnell rannte es zurück zu seiner Mutter, die auf der anderen Straßenseite in ein Schaufenster blickte. Er sah dem Mädchen nach. Es war höchstens sechs Jahre alt. Sein Blick fiel auf ihr Ge-schenk. Einen Euro hatte es in seinen Hut getan. Die Münze strahlte ihm entgegen, wie das Lächeln des kleinen Mädchens. Er schaute auf die Uhr im Geschäft gegenüber. Sie zeigte fünf Minu-ten vor acht.
Dann wandte er seinen Blick zu dem Schaufenster, vor dem eben noch die Mutter des Mädchens gestanden hatte. Doch da war niemand mehr.

 
Copyright © Lucas Herrmann
 
 

 

Trinkgeld

Der Regen verwandelte die Straßen der Stadt in ein Schwarzweißfoto. Wo war das Leben geblieben? Vereinzelt huschten Menschen, in Mäntel gehüllte Silhouetten, an der Kneipe vorbei, nur für einen Augenblick seinen Augen existent. Wo war das Leben geblieben? Sein Glas war auf Halbmast, seine Laune wieder einmal besser als das Wetter. Er saß in einer Nische nicht allzu weit entfernt vom Tresen.
Das Mädchen aus Übersee stand hinter den Zapfhähnen. Das war gut. Das Mädchen mochte ihn. Es hatte immer ein Lächeln für ihn auf den Lippen. Seine braunen Hände waren sinnlich, sie umfassten das Glas mit Liebe und ließen gefühlvoll das Bier aus dem Zapfhahn fließen. Die Schaumkrone war gelungen, seine Arbeit makellos.
Wenn er spät abends die Kneipe verließ, zahlte er stets die geforderte Summe, doch er gab nichts dazu. Er gab dafür etwas anderes. Ein Fo-to. Auch heute hatte er wieder ein Foto in seiner Tasche. Auf der Rückseite stand eine Jahreszahl, sie lag schon sehr weit zurück. Doch das war nicht von Bedeutung. Das Motiv blieb das Gleiche.
Das Mädchen wischte den Tresen. Es summte eine Melodie. Sein Blick galt nur der hölzernen Fläche.
Er zog das Foto aus der Tasche. Es lag glänzend in seinen zittrigen Händen. Er behandelte es mit Vorsicht, kein Knick oder Fingerabdruck sollte es verletzen. Für einen Augenblick schweifte die Erinnerung über das eckige Stück Leben.
Das Leben im Glas war bis auf einen kleinen Bodensatz gelöscht. Er erhob sich bedächtig, spürte das Zerren in seiner Hüfte und zog sich den Mantel über. Das Geld hatte er zu Hause schon abgezählt und in der Manteltasche verstaut.
Das Mädchen schaute vom Tresen auf. Ihre Blicke trafen sich, verweilten einen Augenblick.
Er bezahlte und legte das Foto daneben. Die braune Hand des Mädchens entließ das Geld in die Kasse, nahm das Foto entgegen. Es be-trachtete das Motiv eine Weile. Dann nickte es und schenkte ihm ein Lächeln.
Er wandte sich um und verließ die Kneipe. Kalter Regen peitschte ihm entgegen. Er zog die Kapuze tief ins Gesicht. Auf seinem Weg ins Atelier kreuzten Menschen seinen Weg, verhüllt in Mäntel, Silhouetten. Wo war das Leben geblieben? Er wusste eine Antwort darauf.

 
Copyright © Lucas Herrmann
 
 
 
Lucas Herrmann
Bonsai
 
 
 
 
 

             
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