Bonsai-Engel
Weihnachten stand unmittelbar bevor. Mit Weihnachten kam
auch wieder Leben in die Einkaufspassagen. Die Geschäfte
machten den größten Umsatz im Jahr. Der Konsum
stieg. Geschäftiges Treiben erfüllte die Straßen.
Keine Zeit zum Atmen, nur in das nächste Geschäft
und fündig werden. Mensch dicht an Mensch. Preise über
Preise. Aus den Geschäften drangen Weihnachtslieder,
Lichterketten schmückten Bäume und Schaufenster,
ein verkleideter Weihnachtsmann reichte den Kindern Süßigkeiten
und irgendwo in einiger Entfernung ragte der Turm des Michels
in den dämmrigen Himmel und überblickte das bunte
Treiben.
Von alledem schien er keine Notiz
zu nehmen. Er saß auf
seinem gewohnten Platz vor dem Kosmetikgeschäft, auf
seiner roten Decke mit den schwarzen Streifen darauf. Die
Menschen glitten an ihm vorbei, warfen ihm flüchtige
Blicke zu. Ob aus Mitleid oder aus Abscheu, das hatte er
nach all der Zeit nicht mehr zu unterscheiden vermocht. Es
interessierte ihn auch nicht mehr. Was kümmerten ihn
die anderen? Sie waren da, immerzu, hatten es eilig und verschwanden
in Geschäften, nur um nach einer Weile
mit vollen Einkaufstaschen
wieder herauszukommen. Taschen voll mit irgendwelchem Schnickschnack.
Mit Sachen darin, bei denen er sich fragte, ob sie für
das tägliche Überleben von Bedeutung waren. Aber
was sollte er sich darüber Gedanken machen? Er selbst
würde vielleicht auch mit tausend Taschen aus einem
Geschäft kommen, wenn es ihn nicht auf die Straße
verbannt hätte.
Das Leben auf der Straße war hart.
Man war ganz allein. Obwohl immer so viele Beine an einem
vorübergingen.
Obwohl man immer so viele Stimmen hörte. Obwohl man
immer so viele Blicke einfing. Ja, die Blicke waren es gewesen.
Sie waren zu Anfang das Schlimmste. Irgendwann hatte er sie
nicht mehr ertragen können. Dann wollte er sie nicht
mehr einfangen. Er wollte ihnen entkommen. Einfach dem Leben
entkommen. Sich unter irgendeine Brücke flüchten
und dort in Ruhe gelassen werden. Doch dann kam seine Eitelkeit
zum Vorschein. Er wollte nicht unter einer Brücke hausen.
Fern der Zivilisation; leben wie eine Ratte. Er war ein Mensch.
Auch wenn ihm das auf dem Pflaster der Einkaufsstraße
nicht mehr so vorgekommen war.
Manchmal warfen sie ihm eine Münze
zu. Einen Euro, manchmal fünfzig Cent, manchmal aber
auch nur einen Cent. Dann war er glücklich. Segnete
sie und kaufte sich etwas zu essen. Er hatte seinen Hut auch
heute wieder
vor sich gelegt. Ein paar Cent lagen darin. Er wartete immer
bis acht, kurz bevor die Läden schlossen. Dann kratzte
er das Geld zusammen und kaufte sich, was er sich leisten
konnte. Wenn es gut lief, war
es sogar einmal ein richtiges
kleines Abendessen, Pommes mit Currywurst
und eine Dose Cola
oder auch mal Cheeseburger mit amerikanischer Grillsoße.
Er schaute auf die Uhr im Geschäft gegenüber.
Es war zwanzig Minuten vor acht. Sein Blick streifte den
alten Hut. So wie es aussah, würde das Essen heute wohl
ausfallen müssen.
Der Menschenstrom ebbte ab. Er schaute auf ein junges Paar,
das sich im Geschäft gegenüber bedienen ließ.
Viele saßen wahrscheinlich schon zu Hause im Warmen
und waren froh, doch noch etwas gefunden zu haben, versahen
es mit einer goldenen Schleife darum oder putzten den Weihnachtsbaum.
In Gedanken versunken bemerkte
er sie gar nicht. Plötzlich
stand sie vor ihm. Er fuhr zusammen und schaute zu ihr auf.
Sie schenkte ihm ein Lächeln. Es erfüllte ihr
ganzes Gesicht.und strahlte ihm im wahrsten Sinne des Wortes
entgegen.
Er sah ihre blonden, gelockten Haare, die ihr strahlendes
Lächeln umrahmten. Für einen Moment wusste er nicht
was er tun sollte. Schließlich brachte er ein kleines
Lächeln zustande.
Das Mädchen hatte etwas in seiner Hand und ließ es
in den Hut fallen. Schnell rannte es zurück zu seiner
Mutter, die auf der anderen Straßenseite in ein Schaufenster
blickte. Er sah dem Mädchen nach. Es war höchstens
sechs Jahre alt. Sein Blick fiel auf ihr Ge-schenk. Einen
Euro hatte es in seinen Hut getan. Die Münze strahlte
ihm entgegen, wie das Lächeln des kleinen Mädchens.
Er schaute auf die Uhr im Geschäft gegenüber. Sie
zeigte fünf Minu-ten vor acht.
Dann wandte er seinen
Blick zu dem Schaufenster, vor dem eben noch die Mutter
des Mädchens gestanden hatte. Doch da war niemand mehr.
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